Siedlungsentwicklung - nicht nur ein Problem des Naturschutzes
Jeden Tag werden in Baden-Württemberg rund 15 Fußballfelder mit Wohnhäusern und Geschäftsgebäuden bebaut. Der tägliche Flächenverbrauch von 10,3 Hektar bedroht nicht nur die Artenvielfalt. Angesichts des demografischen Wandels ist die Zersiedlung der Gemeinden auch wirtschaftlich unverantwortlich. Das Wachstum der vergangenen Jahrzehnte ist vorbei. Neue Baugebiete werden nicht mehr benötigt. Die Menschen brauchen künftig kompakte Gemeinden mit kurzen Wegen, Versorgungsangeboten und einer intakten Natur.
Flächenverbrauch durch expansive Siedlungsentwicklung ist eines der größten Umweltprobleme. Entgegen allen politischen Beteuerungen waren die Anstrengungen zum Flächenschutz bisher erfolglos. Die Wende auf kommunaler Ebene lässt auf sich warten. Trotz sinkender Bevölkerungszahlen und einer alternden Bevölkerung werden die Gemeinden nach wie vor zersiedelt. Die Gründe sind vielfältig: Der Bodenverbauch kostet zu wenig. Die Gemeindefinanzierung fördert das Bauen auf der „Grünen Wiese“ und ignoriert die hohen Folgekosten
neuer Baugebiete. Stattdessen muss die Sanierung im Altbestand stärker gefördert werden. Angesichts leerer Kassen in den Kommunen ist Flächenschutz nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein ökonomisches
Thema.
Die Zeiten des Bevölkerungswachstums sind vorbei. Die Kommunen spüren zunehmend die Konkurrenz um neue Einwohner – und reagieren darauf mit noch mehr Neubaugebieten. In Baden-Württemberg wird wertvolles Land für erschlossene Gewerbegebiete regelrecht verramscht: Bundesweit wird mit Zeitungsanzeigen für billige Bauplatzpreise geworben. Doch ab 2012 wird die Zuwanderung (vor allem aus
Ostdeutschland) nicht mehr die niedrige Geburtenrate ausgleichen. Diese Entwicklung lässt sich auch nicht mit billigem Bauland stoppen. Denn die zusätzliche Infrastruktur muss von immer weniger Steuerzahlern finanziert werden. Langfristig spielen Grundstückserlöse, mit denen viele Kommunen ihren Haushalt sanieren wollen, nur eine marginale Rolle, wie die Studie „Neubaugebiete und demografische Entwicklung“ des Verbands
Region Stuttgart 2007 belegt hat.
Die ökologischen Folgen des Flächenverbrauchs zeigen sich schleichend: Die Böden verlieren ihre natürliche Leistungsfähigkeit und Regelungsfunktion. Der Boden- und Wasserhaushalt wird
gestört. Die natürliche Pufferfunktion geht verloren. Durch die Versiegelung von Freiflächen werden fruchtbare Böden für die Landwirtschaft zerstört. Das Retentionsvermögen der Böden nimmt ab, die Hochwassergefahr steigt. Die Zerschneidung der Landschaft vernichtet Lebensräume und bedroht Tier- und Pflanzenarten. Die expansive Siedlungsentwicklung wird begleitet von einem zunehmenden Straßenverkehr, der zu einem erhöhten Schadstoffausstoß, zu mehr CO2-Emissionen und noch mehr Lärm führt.
Die Grundsätze einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung sind bekannt: Die Innenentwicklung und die Wiedernutzung alter Industrie- und Gewerbegebiete müssen Vorrang haben. Es müssen angemessen nachverdichtete Baulücken geschlossen werden. Für leer stehende Bausubstanz müssen Nutzungskonzepte entwickelt werden. Flächenkataster mit allen Recyclingpotenzialen sollten vor der Aufstellung von Flächennutzungs- und Bebauungsplänen ausgearbeitet werden. Doch bisher gibt es zu wenige Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung, wie das Aktionsbündnis „Flächen gewinnen in Baden-Württemberg“. Außerdem fehlt der ökonomische und rechtliche Rahmen, der die konsequente Innenentwicklung für die Kommunen verbindlich regelt: Die Kommunen müssen dazu verpflichtet werden, alle Folgekosten bei der Entscheidung über neue Baugebiete zu berücksichtigen. Außerdem müssen Gemeindefinanzierung, kommunaler Finanzausgleich und Einkommensteuer reformiert werden. Darüber hinaus muss die Regionalplanung zur Steuerung der Flächenentwicklung gestärkt werden.
Die Rezepte von gestern haben ausgedient. Den Wettbewerb um zukunftsfähige Flächenentwicklung werden die Gemeinden gewinnen, die auf qualitatives Wachstum setzen und ihre vorhandene Infrastruktur früh den Bedürfnissen einer alternden Bevölkerung anpassen. Denn künftig brauchen die Menschen kompakte, verkehrsberuhigte Orte mit kurzen Wegen, vielen Versorgungsangeboten – und eine intakte Natur.
Dr. Brigitte Dahlbender
(Vorsitzende des Bund für Umwelt
und Naturschutz Deutschland (BUND),
Landesverband Baden-Württemberg)
Tags: Flächenverbrauch, Planung, Umwelt