Wer macht was? – Die Bedeutung des Ehrenamts in der modernen Bürgergesellschaft
Der (oder die) Ehrenamtliche ist eine sagenumwobene Gestalt: viele soll es davon geben in unserem Land, viele Aufgaben übernehmen sie, die sonst vielleicht liegen bleiben würden, an allen Ecken und Enden sind sie zugange.
Der (oder die) Ehrenamtliche ist vielseitig begabt: er oder sie kann die Geschicke einer Stadt leiten, Brände löschen, Jugendgruppen betreuen, Essen kochen, Gottesdienste gestalten, Alte pflegen, Leben retten, beim Einkauf helfen, Häuser bauen, Geige und Fußball spielen und und und…ist das Ehrenamt einfach ein modernes Heinzelmännchentum?
Das Ehrenamt ist der Kitt unserer Gesellschaft. Ohne die Menschen, die einen oft erheblichen Teil ihrer Freizeit dafür aufwenden, sich einzubringen in das öffentliche Leben, wäre unser Land nicht nur ziemlich trostlos, sondern auch ziemlich hilflos.
Mehr als 23 Mio Menschen engagieren sich ehrenamtlich in Deutschland. Es ist wichtig, dass diese Menschen in ihrer Arbeit unterstützt und gewürdigt werden, am besten von der Gemeinde, in der sie leben. Das fängt an bei einem „Tag des Ehrenamts“, setzt sich fort über Vergünstigungen beispielsweise beim Eintritt für das städtische Hallenbad, Kino, Theater usw. und darf bei professioneller Unterstützung noch lange nicht enden. Denn das ist oftmals ein großes Problem im Bereich der ehrenamtlichen Arbeit: es sind zu wenige Hauptamtliche da, um den Ehrenamtlichen einen professionellen Background zu vermitteln. Schulungen, Weiterbildungen, auch einfach „Tipps und Tricks“ und Rat in heiklen Situationen sind enorm wichtig, um Frustration zu verhindern und Langzeitmotivation zu gewährleisten. Deshalb sollte keiner Angst haben vor einer „Professionalisierung des Ehrenamtes“: solange dies bedeutet, dass jeder, der im Ehrenamt Verantwortung trägt, auch professionell geschult und begleitet wird und dadurch enorm an Sicherheit gewinnt (sowohl Selbstsicherheit als auch unter rechtlichen Aspekten), kann dies nur von Vorteil sein.
Das ist auch der Grund, weshalb wir im Stadtjugendring Böblingen eingestiegen sind in das vom lokalen Evangelischen Jugendwerk initiierte „Jugendbegleiterprogramm“. In Form eines Lehrgangs, der in verschiedene Module gegliedert ist, werden dort Ehrenamtliche aller Altersgruppen, die die Nachmittagsgestaltung (in Arbeitsgemeinschaften ) an den Schulen leiten, ausgerüstet mit allem, was sie für ihre Aufgabe dort benötigen: in Rollenspielen wird der Umgang mit schwierigen Kindern und besorgten Eltern geübt, es gibt Theoriestunden über gruppendynamische Prozesse, außerdem werden sie über den rechtlichen Rahmen aufgeklärt und erfahrene Ansprechpartner werden vorgestellt.
In der Freiwilligen Feuerwehr und in den Sportvereinen ist es schon lange selbstverständlich, dass Ehrenamtliche in Leitungspositionen sich regelmäßig auf Lehrgängen weiterbilden.
Wenn dieses Selbstverständnis auch in anderen Bereichen des Ehrenamtes Raum greift, dann kann das nur von Vorteil sein.
Denn eine breite Basis ehrenamtlich tätiger und hochmotivierter, weil gutausgebildeter Menschen zieht eine Kettenreaktion nach sich: wer in seiner Jugend Engagement vorgelebt bekommen hat, wird später eher bereit sein, sich selbst zu engagieren. Und die feste Verankerung in einem Verein oder einem Verband – sprich: in der Zivilgesellschaft! – ist das beste Mittel gegen eine ganze Reihe individualgesellschaftstypischer Übel: Vereinsamung, Zukunftsangst, Unfähigkeit zu Empathie, Verwahrlosung, Depression.
Doch bei allem Hype um das Ehrenamt darf die Bereitschaft zu freiwilligem Engagement nicht ausgebeutet werden. Der Staat darf sich nicht systematisch darauf verlassen, dass „die Ehrenamtlichen das schon regeln werden“, und unter diesem Vorwand von seinen originären Pflichten zurücktreten, womöglich nur mit dem Zweck, Geld zu sparen.
Es ist unlauter, eine „Ganztagesschule“ einzurichten, die sich von der Halbtagesschule nur dadurch unterscheidet, dass am Nachmittag ehrenamtliche Helfer eine Handball-AG anbieten, so wie das in Baden-Württemberg der Fall ist. Ehrenamt muss eingebettet werden in sinnvolle Strukturen, und Ehrenamt braucht professionelle Begleitung. Dafür muss Geld in die Hand genommen werden!
Eine Gesellschaft ist mehr als Schule, Polizei, ALG II und Solidaritätszuschlag. Der Staat ist dazu da, um unserer Gesellschaft Halt zu geben. Aber mit Leben gefüllt wird das Gemeinwesen von den Bürgerinnen und Bürgern, von uns!
Eine solidarische Bürgergesellschaft braucht Engagement!
Christoph Stammer
Stellv. Vorsitzender
Stadtjugendring Böblingen e.V.
Tags: Ehrenamt