Augen auf – auch in reichen Kommunen!

Oft machen wir uns Gedanken darüber, wie wir unsere Städte noch attraktiver, noch schöner und noch besser gestalten können …
… dabei passiert es manchmal, dass wir Grundsätzliches aus den Augen verlieren.

In wohlhabenden Kommunen kann es einem schnell passieren, dass einem das Ausmaß an Armut, in dem manche Mitbewohner leben müssen, überhaupt nicht mehr bewusst ist. Manche wollen sich der Armut in ihrer Stadt auch gar nicht bewusst werden. Schließlich muss man dazu genau hinschauen! Und deshalb entscheiden sich die wenigsten Kommunen dazu einen „Armutsbericht“ zu erstellen.
In der Vergangenheit mussten Städte nicht selten erst angestupst werden, bis es zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Armutsproblematik kam. In meiner Stadt, Karlsruhe, war das auch der Fall. Die Initiative ging zunächst von der Liga der freien Wohlfahrtspflege aus. Dank großen Engagements, war es „recht früh“ soweit: Im Jahr 1993 legte die Stadt Karlsruhe einen Armutsbericht vor. Ein solcher Bericht bedeutet viel theoretische Arbeit, Papier und einen großen Aufwand. Warum einen solchen Armutsbericht erstellen um hinterher wahrscheinlich noch schlechter als zuvor dazustehen? Der Grund hierfür ist, dass man Probleme nur ernsthaft bekämpfen kann, wenn man sie kennt. Man benötigt die entsprechenden Daten um zu wissen, mit welchen Formen von Armut man es zu tun hat. So wird zielgerichtetes Handeln möglich. Und so besteht eine Chance auf mehr soziale Gerechtigkeit!
Besonders dramatisch ist, dass in einem so reichen Land wie Deutschland, das ja auch viel in Zukunft investiert, noch immer Kinder und Jugendliche gezwungen sind, in ärmlichen Verhältnissen aufzuwachsen, oft auch ohne eine reelle Chance auf Chancengleichheit im Bildungssystem. Allzu oft steht die schulische Entwicklung eines Kindes noch stark im Zusammenhang mit dem Vermögen der Eltern und der sozialen Herkunft. Auch wenn man solche Tatsachen weniger gern wahrnimmt. Umso wichtiger, dass die „Kinderarmut“ als eigenständiges Thema in die Berichterstattung aufgenommen wird, so auch in der Stadt Karlsruhe, die 1999 als eine der ersten Kommunen in Deutschland einen Bericht „Armut bei Kindern und Jugendlichen“ veröffentlichte.
Die Situation in Deutschland ist nicht so rosig, wie allgemein vermutet, laut Unicef sind Kinder in Deutschland häufiger arm als Erwachsene und das trotz des hohen finanziellen Aufwandes von Seiten des Staates .
Eine andere gravierende Entwicklung kann man in vielen Kommunen feststellen, wenn man den Anteil der Migrantinnen und Migranten, die von Soziahilfe abhängig sind betrachtet.
Lösungen zur Verbesserung der Lebenssituation dieser Zielgruppe lassen auch noch in großen Teilen auf sich warten.
Am stärksten betroffen sind Kinder alleinerziehender Eltern sowie Mädchen und Jungen aus Zuwandererfamilien.
Aber neben zielgruppenspezifischer Arbeit ist es ebenso wichtig, Konzepte wie das Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“ für die Bekämpfung von Armut zu nutzen. Jede Chance sollte ergriffen werden. Wenn Gelder nicht genutzt werden, weil sie nicht benötigt werden, ist das fair, doch wenn es am Engagement vor Ort scheitert, ist das nicht hinnehmbar. Auch wenn ein Programm „Soziale Stadt“ keine soziale Stadt zutage fördert, ist es wichtig alle möglichen Ressourcen zu nutzen, mit denen man etwas bewegen kann.

Die Gesamtentwicklung muss stimmen: Wenn sich alles allmählich zum Positiven verändern würde, wäre die Armutsproblematik nicht ganz so dramatisch. Nur leider trifft das Gegenteil zu. Die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung sagen eindeutig: Die Schere von arm und reich geht immer weiter auseinander. Man kann das meist auch an Entwicklungen in der eigenen Kommune festmachen, beispielsweise ist ein Ergebnis in Karlsruhe (bezogen auf 2004), dass arme Stadtteile ärmer werden (d.h. Stadtteile mit einem überproportional hohen Anteil an Haushalten mit Transfereinkommen).
Gegen die zunehmende Polarisierung von Arm und Reich in unserer Gesellschaft liegt noch kein Patentrezept vor. Umso wichtiger, dass auch Jugendliche sich Gedanken machen, wie sie ihre Zukunft gerechter gestalten können.

Reicht es aus, mehr Geld zu fordern? Ich denke, wenn man sich ernsthaft mit dieser Problematik auseinandersetzen will, darf man nicht nur nach den verfügbaren Einkommensressourcen fragen! Es ist wichtig den Blick auf die tatsächliche Versorgungslage der Menschen in zentralen Lebensbereichen wie Arbeit, Wohnen, Bildung, Gesundheit oder die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu richten. Erst wenn jeder Mensch in Deutschland, ganz gleich ob Kind, Frau, Wohnungs- oder Arbeitslos, gleiche Entwicklungschancen gewährt werden, ist Chancengleichheit verwirklicht.

Yvette Melchien, Karlsruhe

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