Integration als Schlüsselthema für die Zukunftsfähigkeit

Mannheimer Wasserturm
Mannheim ist eine Einwanderungsstadt seit ihrer Gründung 1607: viermal zerstört und immer wieder aufgebaut durch Zuwanderer aus vielen Nationen. Aktuell haben 30 % der Bevölkerung einen Migrationshintergrund.
August 2008 – Die Zuwanderung der vergangenen Jahrzehnte hat die Stadt nachhaltig geprägt. Das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen, sozialen, religiösen und weltanschaulichen Hintergründen ist Merkmal eines auch zukünftig fortdauernden Veränderungsprozesses unserer Stadtgesellschaft. Dabei ist das Zusammenleben in Vielfalt bereits heute in Mannheim weitgehend akzeptierte Normalität. Dies ist auch Ergebnis einer bewussten Integrationspolitik, d.h. einer aktiven Gestaltung des durch Migration und von Pluralität geprägten gesellschaftlichen Veränderungsprozesses.
Hinsichtlich der Akzeptanz von Pluralität durch die „Mehrheitsgesellschaft“ können wir also zufrieden sein, bezüglich der objektiven Integrationserfolge und einer gerechten Verteilung von Lebenschancen aber nicht. Wir erarbeiten deshalb ein
Integrationskonzept, in dem festgelegt werden soll, auf welche Art und Weise dieser Veränderungsprozess und das Zusammenleben in Mannheim gestaltet wird und mit welchen Zielsetzungen und auf der Grundlage welchen Selbstverständnisses der Stadt dies geschieht. Integration ist dabei als eine die gesamte Verwaltung betreffende Aufgabe zu verstehen; das heißt, dass die Stadt in ihrem kommunalen Handeln, in all ihren Projekten, ihren Planungen und ihren Dienstleistungen interkulturelle Aspekte berücksichtigt.
Integrationspolitik ist für die Zukunftsfähigkeit unserer Stadtgesellschaft entscheidend, denn unser Potenzial sind die hier lebenden Menschen. Unsere Entwicklung hängt deshalb davon ab, inwieweit es gelingt, Bedingungen zu schaffen, die es
den Menschen ermöglichen, die eigenen Fähigkeiten möglichst optimal zu entwickeln und einzusetzen. Auch sind die Chancen und Potenziale der vorhandenen kulturellen Vielfalt zu erkennen und zu fördern. Vor diesem Hintergrund bedeutet Integration, gleichberechtigte Möglichkeiten der Teilhabe am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben zu schaffen und zu erhalten sowie vor individueller und kollektiver Ausgrenzung zu schützen. Der Grad der Teilhabe kann am deutlichsten in den Bereichen Bildung, Wirtschaft und Kultur messbar festgestellt werden. Unser Integrationskonzept wird deshalb eine daten- und indikatorengestützte systematische Beschreibung und Bewertung der Integrationsentwicklungen in der Stadt liefern. Das Integrationskonzept wird also zu einem regelmäßig anzufertigenden Integrationsbericht führen, in dem über die im Verlaufszeitraum durchgeführten Maßnahmen und deren Wirksamkeit (Integrationsmonitoring) berichtet wird. Der Integrationsbericht bildet die Grundlage für die integrationspolitischen Entscheidungen und Schwerpunktsetzungen.
Aber auch das Gemeinschaftsgefühl in einer Stadt und das Zugehörigkeitsgefühl des Einzelnen zur Stadtgesellschaft sind zugleich wesentliche Gradmesser und Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integrationspolitik: Zugehörigkeit erzeugt Verantwortung. Verantwortungsübernahme wiederum setzt Teilhabe voraus. Ohne die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme kann ein Gemeinwesen auf Dauer nicht bestehen. Das Gemeinschaftsgefühl in einer Stadt und die Identifikation der Bürgerschaft mit ihrem Gemeinwesen sind deshalb Ziel aller Integrationsbemühungen. Ein solches Gemeinschaftsgefühl entsteht auch durch die gemeinsame Erinnerung an eine miteinander geteilte Vergangenheit. Zur städtischen Integrationspolitik zählt deshalb der Aufbau und die Pflege einer gemeinsamen Erinnerungskultur, in der die Migrationsgeschichte als essenzieller Bestandteil der Mannheimer Stadtgeschichte hervorgehoben und die Leistungen der Zuwanderer – gerade auch in der jüngeren Stadtgeschichte – als unverzichtbarer Beitrag für die Prosperität Mannheims gewürdigt und wertgeschätzt werden. Eine Anerkennungskultur, bezogen auf die Verdienste der Migrantinnen
und Migranten für das Gemeinwesen, leistet dabei einen wichtigen Beitrag für deren Identifikation mit der Einwanderungsstadt Mannheim und für die Kultivierung und Weiterentwicklung eines internationalen
und weltoffenen Charakters als zukunftsweisenden Standortfaktor.
Ziel der Integrationspolitik der Stadt Mannheim ist die Gestaltung einer Stadtgesellschaft und Stadtkultur, mit der sich möglichst alle in ihr lebenden Menschen identifizieren können. Die vorhandene Vielfalt wird dabei als Chance und Potenzial für unsere Zukunftsfähigkeit erkannt, nach außen dargestellt und gefördert.
Dr. Peter Kurz
(Oberbürgermeister von Mannheim)
Tags: Integration, Oberbürgermeister
02. Januar 2009 at 20:05
Die Integration in Mannheim anhand eines solchen Monitoring zu analysieren, zu verbessern und voranzutreiben ist ein lobenswertes Projekt. Denn eine gelungene und effektive Integrationspolitik ist die Grundlage für ein zukünftiges, „friedliches Zusammenleben in Vielfalt“. Daher wäre es wünschenswert, dass sich viel mehr Menschen, Kommunen, Städte und Länder intensiver mit dieser Frage beschäftigten.
Das Integrationskonzept packt das Problem, meiner Meinung nach, genau an der richtigen Stelle an. Es soll Integration aktiv gestalten und steuern und richtet sich dabei nach einem genau definierten Ziel: jegliches kommunales Handeln berücksichtigt interkulturelle Aspekte und führt somit zu einer gerechteren Verteilung der Lebenschancen. Die Stadt Mannheim sieht in ihrer Vielfalt die Chance und das Potenzial für ihre Zukunftsfähigkeit.
Diese Vielfalt allerdings, ist vielerorts Ursache für ein großes Gefälle innerhalb der Gesellschaft. Die mangelhafte Integrationspolitik, die in Deutschland bisher betrieben wurde hat dazu geführt, dass sich hierzulande langsam eine Parallelgesellschaft, bestehend aus den Nachkömmlingen unserer damaligen Gastarbeiter, herausgebildet hat. Diese sind leider noch zu häufig junge Menschen mit Migrationshintergrund, die die Klassen der Hauptschulen füllen und der deutschen Sprache nur mäßig mächtig sind. Ihre Großeltern und Eltern kamen nach Deutschland, um zu arbeiten. Es war also nicht so wichtig, dass sie oder ihre Kinder deutsch lernten, Deutschland kennenlernten und sich integrierten. Sie wollten arbeiten und Geld verdienen, um dann wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Dazu wurden sie schließlich auch hergebeten. An Integration hat damals eben niemand gedacht. Diese Rechnung ging so leider nicht auf. Die meisten blieben hier. Sie bekamen Kinder und Enkelkinder um deren Integration man heute so bemüht ist.
Andererseits führt diese Vielfalt vor allem in schlechten Zeiten der Finanzkrise, wie schon bei vielen anderen Rezessionen in der Geschichte, zu einer Renaissance von Fremdenfeindlichkeit, Fremdenhass und Rechtsextremismus. Das Attentat auf den Passauer Polizeichef Manichl ist dabei nur eines von vielen Verbrechen mit rechtsextremer Motivation. Gleichzeitig ist klar: rechtes Gedankengut macht sich auch in der Mitte unserer Gesellschaft breit.
Darum sind Integrationskonzepte, wie beispielsweise das mannheimer Integrationsmonitoring, sehr wichtig und sollten dringend unterstützt und gefördert werden. Wer in Zukunft in einer harmonischen Gesellschaft leben möchte, in der sich Chancen und Verantwortungen gerecht verteilen, kommt an Integration nicht vorbei. Integration geht alle an. Integration beschäftigt sich mit Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund. Deshalb ist es genauso wichtig ihnen die Gelegenheit zu geben, Integrationskonzepte mitzugestalten und Integration bewusst mit zusteuern. Sie müssen auch in den Stadtverwaltungen und Gemeinderäten entsprechend vertreten sein. Sie sollten alle die Möglichkeit haben, sich mindestens an dem Kommunalwahlen zu beteiligen, egal welche Staatsbürgerschaft sie innehaben. So, wie es die Menschen mit europäischem Migrationshintergrund schon länger können. Bis dahin ist es wahrscheinlich noch ein langer und beschwerlicher Weg, den wir nur gemeinsam gehen können.